Wirtschaftsverkehre zwischen Hamburg und Polen als Begründung für die „Küstenautobahn“?
A 20: Eine Studie – und zwei Fragen

Der Förderverein Pro A 20 e.V. postete am 23.6.2016 auf seiner Facebook-Seite eine Meldung zu einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), die 2015 erschienen ist; ihr Titel lautet: „Wirtschaftsverkehre zwischen dem Hamburger Hafen und Polen – Perspektiven für die Entwicklung der Kammerunion Elbe/Oder (KEO)“.

Diese Studie geht von einer starken Zunahme des Außenhandels mit Polen aus. „In diesem Zusammenhang“, so schreibt der Förderverein Pro A 20 e. V., komme dem „Ausbau der Verkehrsinfrastruktur eine große Bedeutung zu“, wobei die Studie „explizit unter anderem den Bau der A 20“ nenne.

Ich habe mir diese Studie angeschaut und daraufhin in der Form eines Facebook-Kommentars heute zwei Fragen an den Förderverein Pro A 20 e. V. gerichtet.

Da nicht alle meiner Leser bei Facebook sind, stelle ich die Fragen gern auch hier im Blog zur Diskussion.

Mein heutiger Facebook-Kommentar hat folgenden Wortlaut:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu dieser Studie würde ich gern zwei Fragen stellen:

Die HWWI-Studie stellt fest, dass „im Jahr 2013 der Lkw-Verkehrsanteil nach Polen bei […] 171,5 Tsd. TEU“ lag. (S. 53)

Wenig später gibt sie folgende Auskunft:

„Die Einschätzungen können für den Straßengüterverkehr allerdings stark voneinander abweichen. Nach Einschätzung von Hafen Hamburg Marketing werden die Verkehre nach Polen insgesamt überschätzt. So wurden im Jahr 2013 etwa 169 Tsd. TEU zwischen Hamburg und Polen direkt transportiert. Hiervon nimmt der Lkw einen Anteil von 64 % oder 109 Tsd. TEU ein.“ (S. 54, Anm. 28)

Die Einschätzung von Hamburg Hafen Marketing geht mithin von einem Gütertransportaufkommen aus, das um 62,5 Tsd. TEU – also um 36,4% – unter dem Gütertransportaufkommen liegt, mit dem die Studie rechnet.

FRAGE 1: Welche Auswirkungen hat diese eklatante Differenz Ihrer Meinung nach auf die Aussagekraft der Studie?

Bei einem Güteraufkommen von 109.000 TEU und einer Zuladung von 21,7 t pro TEU erhält man in der Summe 2.365.300 t an Gütern, die von Hamburg aus per Lkw direkt nach Polen transportiert werden.

Die HWWI-Studie geht von einer durchschnittlichen Lkw-Beladung von 14,1 t aus (S. 54). Das Güteraufkommen von 2.365.300 t entspricht also 167.752 Lkws pro Jahr bzw. 460 Lkw am Tag (auf 365 Tage gerechnet).

Der Studie ist zu entnehmen, dass 57,5 % der Container, die von Hamburg nach Polen transportiert werden, nach Nordpolen und 42,5 % nach Südpolen gehen. (vgl. S. 53)

Wendet man diese prozentuale Verteilung auf die Anzahl der täglichen Lkw-Fahrten an, so kommt man zu folgendem Ergebnis:

Lkw-Fahrten Richtung Nordpolen: 264

Lkw-Fahrten Richtung Südpolen: 196

In der HWWI-Studie findet sich eine tabellarische Übersicht über den durchschnittlichen Tagesstraßenverkehr an Grenzübergängen Deutschland-Polen. (S. 54) Für die Frage nach dem Bedarf der A 20 sind der Verkehr nach Nordpolen sowie der Grenzübergang A 11 (Zähler Nadrensee) als nördlichster Grenzübergang relevant. Für das Jahr 2013 ist dort ein durchschnittlicher Tagesverkehr von 9.332 Kfz mit einem Schwerverkehrsanteil von 21,9% angegeben, was 2.044 Lkws am Tag entspricht.

Um diese Zahlen einordnen zu können, empfiehlt sich ein Vergleich mit der A 29, die vom JadeWeserPort in Wilhelmshaven Richtung Süden führt: Die Verkehrsmenge am Grenzübergang A 11 entspricht der Verkehrsmenge, die in der von der NLStBV in Auftrag gegebenen „Verkehrsuntersuchung für die Küstenautobahn A 20“ für die A 29 ermittelt worden ist. Dort wurden im Jahr 2010, je nach Streckenabschnitt, zwischen 1.650 und 2.700 Lkw/Tag gezählt. (SSP Consult Beratende Ingenieure GmbH, 2012)

Das Verkehrsgutachten zur Hinterlandanbindung des JadeWeserPorts kommt zu dem Ergebnis, dass bei voller Auslastung des JadeWeserPorts (2,7 Mio. TEU) täglich ca. 1.500 zusätzliche Lkw auf dieser Strecke unterwegs wären. Das Gutachten kommt weiterhin zu dem Ergebnis, dass diese zusätzlichen Verkehre keinerlei Kapazitätsprobleme mit sich bringen, zumal die Kapazitätsgrenze der A 29 bei 60.000 Kfz täglich liegt. (INROS-LACKNER Consulting Group/Thalen Consult/Ingenieur-Consult für Bahn- und Verkehrstechnik Hamburg GmbH, 2003)

Auf der A 11 sind am Grenzübergang nach Polen 2.044 Lkws am Tag unterwegs, von denen maximal 264 Lkw aus dem Hafen Hamburg kommen. Der Vergleich mit der A 29 und den Verkehren aus dem JadeWeserPort macht deutlich, dass diese Gütertransportaufkommen selbst bei einer eklatanten Steigerung auch zukünftig zu keinerlei Verkehrsengpässen führen werden.

FRAGE 2: Welche Aussagekraft messen Sie der Studie im Hinblick auf den Bedarf für die A 20 bei?

Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Auskünfte, mit freundlichen Grüßen

Kirsten Erwentraut

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