Schau mir ins Gesicht: Neue Schmerzskala für Pferde

Horse Grimace Scale soll Schmerzempfinden eines Pferdes messbar machen

Elea GesichtJeder Pferdehalter kennt das Schmerzgesicht eines Pferdes: Teilnahmslos herunterhängende Ohren, abwesender Blick, zusammengekniffene Nüstern, zugepresstes Maul. Einem Pferd mit einem solchen Gesichtsausdruck geht es sicherlich nicht gut. Aber wie groß ist sein Schmerz wirklich? Ein internationales Expertenteam hat sich im Rahmen eines EU-Projektes dieser Frage angenommen und eine Schmerzskala für Pferde entwickelt: Den Horse Grimace Scale.

Schmerzskalen sind uns aus der Humanmedizin bekannt. Anhand dieser Skalen kann der Patient seine Schmerzen einschätzen und dem Arzt Auskunft über sein subjektives Schmerzempfinden geben. Doch Pferde leiden stumm. So bleibt dem Tierarzt nur die Möglichkeit, aus verschiedenen Anzeichen Rückschlüsse auf das Schmerzempfinden eines Pferdes zu ziehen. Zu diesen Indikatoren zählen z. B. die Atem- und die Herzfrequenz, eine angespannte und erstarrte Muskulatur, Verhaltensauffälligkeiten und eben die Mimik des erkrankten oder verletzten Pferdes.

Der neue Horse Grimace Scale stellt den Gesichtsausdruck des leidenden Pferdes in den Mittelpunkt. Die Skala umfasst sechs Einheiten, so genannte action units (Lebelt/ Zeitler-Feicht, S. 36):

  • rückwärts gerichtete Ohrenstellung
  • verengter Lidspalt
  • angespannte Muskeln oberhalb der Augen
  • angespannte Kaumuskulatur
  • zusammengepresste Maulspalte mit hervortretendem „Kinn“
  • angespannte Nüstern mit Abflachung des Profils

Die einzelnen Faktoren werden nach ihrer Ausprägung im Gesicht des Pferdes mit Punkten bewertet. Die Gesamtpunktzahl kann so in eine Skala von 0 bis 12 Punkten eingeordnet werden. Je größer die Veränderungen im Pferdegesicht sind, desto höher ist auch die Punktzahl. Auf diese Weise soll der Horse Grimace Scale den Schmerz eines Pferdes mit einer standardisierten Methode objektiv messbar machen.

Mit der Schmerzskala erhält der Tierarzt eine praxistaugliche Möglichkeit, die Dosierung von Medikamenten besser an das individuelle Schmerzempfinden seines vierbeinigen Patienten anzupassen, wie Fachtierarzt Dr. Dirk Lebelt von der Pferdeklinik Havelland im Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung erläutert.

Als Koordinator des Arbeitsbereiches „Einfluss von Krankheiten und Schmerz auf das Tierwohl“ zählt Dr. Lebelt zu den Experten, welche die Schmerzskala im Rahmen des EU-geförderten Forschungsprojektes AWIN (animal welfare indicators) entwickelt haben. Das Projekt begann im Jahr 2011 und steht nun vor seinem Abschluss.

Ein Video zum Thema findet sich in der ARD-Mediathek.

Quellen und Lektüretipps:

Bürstenbinder, Frank: „Wie Pferde leiden, zeigen uns ihre Gesichter“. Interview mit Dr. Dirk Lebelt, in: Märkische Allgemeine Zeitung, 27.1.2015

Lebelt, Dirk/ Zeitler-Feicht, Margit: Wenn es wehtut. Schmerzdiagnostik beim Pferd. In: hundkatzepferd. Das Fachmagazin für den Tierarzt. Nr. 5/2014, S. 32-37

 

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