Pferde eindecken – Sinn oder Unsinn?

Käthe Schnee Der Herbst ist da!

In den meisten Ställen entbrennt nun die alljährliche Diskussion über das Eindecken der Pferde. Es gibt ebenso viele erklärte Gegner wie Befürworter des Eindeckens. Die Deckenindustrie mischt kräftig mit und lockt mit immer neuen Modellen, Mustern, Farben, Formen und Funktionen.

Die Deckenfrage verunsichert viele Pferdebesitzer, denn natürlich wollen sie nur das Beste für ihren vierbeinigen Freund. Erschwerend kommt hinzu, dass es uns Menschen nun langsam zu kühl draußen wird. Wir holen unsere Daunenwesten aus dem Schrank und fragen uns im Stillen, ob unser Pferd im Stall nicht auch etwas Warmes gebrauchen könnte …

Um im Sinne des Pferdes eine begründete Entscheidung pro oder contra Decke treffen zu können, ist es hilfreich, sich mit den Schutzmechanismen zu beschäftigen, welche die Pferde von Natur aus gegen winterliche Witterungseinflüsse mitbringen.

Das Pferd – ein Klimawiderständler

Hinsichtlich der klimatischen Bedingungen seines Lebensraumes ist das Pferd eines der widerstandsfähigsten Säugetiere, die es gibt. Nicht umsonst ist es in den unterschiedlichsten Klimazonen über den ganzen Globus verbreitet.

Bei Trockenheit und Windstille z. B. hat ein Pferd im Winterfell erst ab minus 7 bis minus 10 Grad Celsius einen erhöhten Energiebedarf, um mehr Wärme produzieren und so seine Körpertemperatur konstant erhalten zu können. Es fühlt sich also auch dann noch sehr behaglich, wenn wir Menschen schon von bitterer Kälte sprechen.

Seine Widerstandskraft verdankt das Pferd einem ausgeklügelten Thermoregulationssystem.

Das Thermoregulationssystem

Wie die meisten Säugetiere gehört auch das Pferd zu den gleichwarmen (homoiothermen) Tieren: Es ist bestrebt, die Temperatur im Inneren seines Körpers stets auf einem gleichen Level zu halten. Die normale Körpertemperatur eines ausgewachsenen Pferdes liegt ca. zwischen 37,5 und 38,3 Grad Celsius.

Um diese Temperatur auch bei deutlich darunter liegenden Außentemperaturen zu bewahren, stehen dem Pferd verschiedene Regulationsmechanismen zur Verfügung.

Zunächst gibt es bestimmte Verhaltensweisen, die dem Schutz vor schlechter Witterung dienen und die jeder Pferdehalter, der seinen Pferden Auslauf im Freien gönnt, schon beobachtet hat: Die Pferde sammeln sich in Gruppen und stellen sich mit der Kruppe in den Wind, wobei sie sich sicherlich darüber freuen, wenn ihre Schweifrübe nicht allzu schick frisiert ist. Außerdem suchen die Pferde Stellen auf, die im Windschatten liegen, und sie vermeiden es tunlichst, sich an feuchtkalten Plätzen hinzulegen.

Neben diesen typischen Verhaltensweisen verfügt das Pferd über physiologische Mechanismen, die es vor Kälte und schlechtem Wetter schützen. Einige davon sind uns Menschen ebenfalls bekannt – wir bekommen kalte Finger, kalte Füße und kalte Ohren, und schließlich beginnen wir, vor Kälte zu zittern.

Auch beim Pferd wird die Durchblutung der äußeren Körperregionen bei Kälte heruntergefahren. Wenn die Blutgefäße sich verengen und weniger Blut fließt, gibt der Körper insgesamt weniger Wärme an die Außenwelt ab. Falls diese Maßnahme nicht ausreicht, beginnt das Pferd, ebenso wie wir, zu zittern. Das Zittern der Muskeln erzeugt Wärme – der Körper versucht gleichsam, sich aus eigener Kraft wieder auf seine Normaltemperatur zu bringen.

Fohlen können gegen Minusgrade noch einen ganz besonderen Trick einsetzen: Sie verfügen nicht nur über weißes, sondern auch über braunes Fettgewebe. Dieses braune Fett kann in den Zellen verbrannt werden, wodurch Wärme entsteht.

Der augenfälligste Witterungsschutz des Pferdes ist schließlich sein Winterfell, über das wir Menschen (leider?) nicht verfügen. Das Winterfell ist länger und dichter als der kurze und elegante Haarschmuck, den die Pferde im Sommer zur Schau stellen. Dieser dicke Pelz  ist hervorragend zur Wärmedämmung geeignet:

Zwischen den Haaren befindet sich ein Luftpolster, welches bestens isoliert. Dieser Effekt vergrößert sich noch, wenn die Haare aufgestellt werden, denn dadurch wird das Luftpolster größer. Das Fell besteht aus Deckhaar und Wollhaar. Das Deckhaar schirmt das darunterliegende Wollhaar gegen Wind und Regen ab und schützt somit auch das isolierende Luftpolster. Die unter dem Fell liegende Haut sowie das Unterhautfettgewebe tragen außerdem zur Wärmedämmung bei, denn sie sind schlechte Wärmeleiter.

Kann denn Decke Sünde sein? Thora Käthe Paddock

Im Normalfall ist das Pferd dank seines Thermoregulationssystems also bestens gegen die Kälte unseres mitteleuropäischen Winters gewappnet. Es benötigt keine Decke, um sich wohl zu fühlen.

Doch es gibt, wie immer, keine Regel ohne die Ausnahme:

Als Pferdehalter muss man seinem Pferd auch die Möglichkeit geben, das körpereigene Thermoregulationssystem zu trainieren. Dies funktioniert in einem Außenklimastall naturgemäß weitaus besser als in einem warmen, nach menschlichem Ermessen sehr gemütlichen Stall.

Außerdem frieren manche Pferde einfach leichter als andere. Solche Unterschiede in der Kälteempfindung treten durchaus auch bei Vertretern ein und derselben Rasse auf. Ein Beispiel aus unserem Stall: Thora steht selbst bei Schneesturm noch auf ihrem Boxenpaddock und findet es ganz großartig, während Käthe und Sissi sich schon längst ins Stallinnere verkrümelt haben.

Natürlich können alte, geschwächte oder gar kranke Pferde unter der winterlichen Kälte leiden. Für diese Kandidaten wird es besonders problematisch, wenn es nicht nur kalt, sondern zudem auch noch nass ist. Ihnen kann man mit einer gut sitzenden Allwetterdecke sicherlich einen Gefallen tun, damit sie trotz ihres Handicaps nicht auf den täglichen Auslauf an der frischen Luft verzichten müssen.

Häufig wird das Problem des langwierigen Trockenreitens eines Pferdes im Winterfell als Argument für das Eindecken (und Scheren) der Pferde vorgebracht.
Sicherlich ist es schier unmöglich, ein durchgeschwitztes Pferd mit der Behaarung eines Mammuts in einer zumutbaren Zeit wieder trocken zu bekommen, wenn man kein Solarium zur Hand hat. Meiner Erfahrung nach reicht hier eine normale Abschwitzdecke aber vollständig aus. In aller Regel kann man diese nach ca. einer halben Stunde abnehmen. Selbst wenn das Pferd dann noch leicht feucht sein sollte, erkältet es sich im Stall auch ohne Decke nicht. Bei empfindlicheren oder sehr verschwitzten Pferden hat es sich bewährt, ihnen nach dem Abnehmen der Abschwitzdecke eine schlichte, alte Wolldecke überzulegen. Diese kann auch zur Nacht auf dem Pferd liegen bleiben, denn da keine Gurte vorhanden sind, besteht keine Verletzungsgefahr. Die Wolldecke rutscht im Laufe der Nacht natürlich vom Pferd herunter und landet in der Einstreu. Deswegen darf es ruhig eine alte Decke sein …

Fell oder Decke?

Bei der Frage „Fell oder Decke?“ ist also der Pferdebesitzer gefordert, sich ernsthafte Gedanken zu machen:
Er sollte sein Pferd beobachten, um einschätzen zu können, ob es friert oder nicht.
Er sollte erkennen können, ob sein Pferd sich wohl fühlt oder nicht.
Er sollte sich nicht von der in seinem Stall gängigen Praxis, seinem menschlichen Kälteempfinden oder den aktuellen Modetrends leiten lassen.
Und erst dann sollte er eine sinnvolle Entscheidung pro oder contra Decke treffen!

Quellen & Lektüretipps:

Niedersäschsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Bezirksregierung Weser-Ems, Tierschutzdienst Niedersachsen (Hrsg.): Empfehlungen zur Freilandhaltung von Pferden, 1999, S. 49-51

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