Mineralstoffmixe – Fluch oder Segen?

Gerade in der Winterzeit haben Ergänzungsfuttermittel Hochsaison. Das Angebot ist schier unüberschaubar: Ob Atemwege, Immunsystem, Gelenke, Sehnen, Bänder, Muskeln, die Verdauung, die inneren Organe oder Haut, Haar und Hufe – für jedes Detail des Pferdekörpers bietet der Markt eine Vielzahl von Mineralstoffmixen an.

Doch bei der übermäßigen Gabe solcher speziellen Futtersupplemente ist Vorsicht geboten, denn sie können den Mineralstoffhaushalt des Pferdes vollständig aus dem Gleichgewicht bringen. Statt ein Problem zu lösen, kann man so unter Umständen neue Probleme schaffen.

Gleichgewicht und Gegenspieler

Mineralstoffe sind anorganische Stoffe, die zu den lebensnotwendigen Wirkstoffen zählen: Sie wirken an vielen Aufbau- und Regulationsvorgängen im Körper mit und sorgen für einen funktionierenden Stoffwechsel. Eine ausreichende Menge an Mineralstoffen muss täglich mit dem Futter aufgenommen werden, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Pferdes zu erhalten. Doch nicht nur ein Mangel, sondern auch ein Überschuss an Mineralstoffen kann negative Folgen haben.

Die besondere Problematik der Mineralstoffe liegt darin, dass ein Zuwenig oder Zuviel sich meist erst nach längerer Zeit bemerkbar macht. Dieser Verzögerungseffekt beruht auf einer eigentlich genialen Einrichtung der Natur: der sogenannten Homöostase.

Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Gleichgewicht“. In der Biologie bezeichnet er „die Fähigkeit eines lebenden Systems, sich trotz ändernder Umweltbedingungen, innerhalb gewisser Grenzen, in einem stabilen Zustand zu halten“. (Kirchgeßner, S. 174).

Der  Körper versucht also, solange es eben geht, alle Mineralstoffe in der richtigen Menge zur Verfügung zu haben. Um dieses Ziel zu erreichen, kann er auf verschiedene Steuerungsmechanismen zurückgreifen. Wenn ein Mangel vorhanden ist, kann der Körper z. B. eine größere Menge des fehlenden Mineralstoffes aus dem Futter aufnehmen (absorbieren) oder auf zuvor angelegte Speicher zurückgreifen. Wenn eine Überversorgung vorliegt, scheidet der Körper mehr aus. Bei den Mineralstoffen funktioniert diese körpereigene Steuerung ausgesprochen gut, und so dauert es seine Zeit, bis die Grenzen überschritten sind. So kommt es dazu, dass Mängel oder Überschüsse meist erst langfristig sichtbar werden.

Ein zweites Problem liegt darin, dass die einzelnen Mineralstoffe nicht für sich allein betrachtet werden können, denn zwischen manchen von ihnen bestehen Wechselwirkungen. So kann ein Überangebot an einem Mineralstoff dazu führen, dass ein anderer nicht mehr in ausreichender Menge vom Körper aufgenommen werden kann, selbst wenn er theoretisch auch in ausreichender Menge verfüttert wird. Die Mineralstoffe verhalten sich dann wie Gegenspieler (Antagonisten) zueinander.

Mengen- und Spurenelemente im Überblick

Die Mineralstoffe werden in Mengenelemente und Spurenelemente unterteilt. Diese Unterteilung beruht auf der Menge, in welcher der jeweilige Stoff im Körpergewebe vorkommt: Mengenelemente sind mit mehr als 50 mg je kg Lebendgewicht vorhanden, Spurenelemente mit weniger als 50 mg je kg Lebendgewicht.

Mengenelemente

Zu den Mengenelementen gehören Calcium (Ca), Phosphor (P), Magnesium (Mg), Natrium (Na), Kalium (K), Chlor (Cl) und Schwefel (S).

Calcium und Phosphor

Diese beiden Mineralstoffe sind in erster Linie Knochenbaustoffe, die für die Stabilität und die Funktionstüchtigkeit des Skeletts sorgen: Rund 99% des gesamten Calciums, welches im Pferdekörper vorkommt, befindet sich in den Knochen. Phosphor ist zu ca. 80% im Skelett eingelagert. Insgesamt enthält ein Pferdekörper ca. 7 kg Calcium und ca. 4 kg Phoshor.

Gemeinsam bilden Calcium und Phosphat einen Knochenbaustoff (Hydroxylapatit), der dem Körper als Reserve dienen kann: In einer Mangelsituation wird der fehlende Mineralstoff aus den Knochenbälkchen abgebaut – die Homöostase wirkt!

Während ein Phosphormangel bei Pferden eher selten auftritt, kann die Calciumversorgung schwierig sein. Calcium und Phosphor können nämlich nicht unabhängig voneinander betrachtet werden: Ein Überschuss an Phosphor hemmt die Aufnahme von Calcium. Um das entstehende Calciumdefizit auszugleichen, wird Calcium aus den Knochen abgebaut, wodurch diese Schaden nehmen. Im schlimmsten Fall kommt es zu Knochenauftreibungen, Entzündungen und Lahmheiten oder sogar zu Knochenbrüchen.

Das Verhältnis von Calcium zu Phosphor sollte nicht unter 1:1 und nicht über 3:1 liegen. Optimal ist ein Ca:P-Verhältnis von 1,5 bis 2:1. Ein hoher Getreideanteil in der Pferdefütterung wirkt sich negativ auf das Ca:P-Verhältnis aus: Hafer hat ein Ca:P-Verhältnis von 0,3:1, Maisflocken liegen bei 0,1:1.

Ein Überschuss an Phosphor wirkt sich nicht nur negativ auf den Calciumhaushalt aus, sondern kann auch zur Entstehung von Darmsteinen führen. Ein Calciumüberschuss wird von Pferden recht gut toleriert, wenn Magnesium, Mangan, Eisen und Zink in genügenden Mengen vorliegen.

Magnesium

Auch Magnesium ist an der Mineralisierung des Skeletts beteiligt: Rund 55 % des gesamten Magnesiums im Pferdekörper liegen in den Knochen. Dieser Mineralstoff ist aber vor allem für die Funktion sehr vieler Enzyme in Muskeln und Nerven verantwortlich. Dementsprechend finden sich ca. 35% des gesamten Magnesiums in der Muskulatur des Pferdes.

Der Magnesiumbedarf des Pferdes ist meist über das normale Futter abgedeckt. Wenn ein Überschuss an Magnesium mit einem Phophorüberschuss zusammenkommt, kann es verstärkt zur Entstehung von Harn- und Darmsteinen kommen.

MengenelementePferdekörperNatrium, Chlor und Kalium

Diese Mengenelemente finden sich zu unterschiedlichen Anteilen vor allem in den Muskeln, dem Skelett, den inneren Organen und im Blut. Natrium und Chlor regeln den osmotischen Druck in der extrazellulären Flüssigkeit des Körpers, während Kalium den osmotischen Druck in den Zellen steuert. Natrium und Chlor spielen eine wichtige Rolle im Wasser- sowie im Säure-Basen-Haushalt des Körpers. Beide bilden gemeinsam das bekannte Natriumchloridsalz (NaCl).

Da die üblichen Futtermittel sehr wenig Natrium enthalten, liegt dieser Mineralstoff oft im Mangel. Hinzu kommt, dass vor allem Natrium und Chlor über den Schweiß verloren gehen. Schon bei leichter Arbeit kann ein 600 kg schweres Pferd bis zu 4 Liter Schweiß verlieren, bei sehr schwerer Arbeit können es bis zu 18 Liter sein. Ein Liter Schweiß enthält 3,1 g Natrium und 5,5 g Chlor.

Während der Chlorbedarf meist über das Grundfutter abgedeckt werden kann, ist für die Natriumversorgung ein Leckstein oder die zusätzliche Gabe von Kochsalz erforderlich. Anzeichen für einen Natriummangel sind Lecksucht und das Fressen von Erde, Fressunlust und Abmagerung, trockene Haut und Leistungseinbußen.

Ein Überschuss an Natrium und Chlor muss nicht dramatisch sein, solange dem Pferd genügend Wasser zur Verfügung steht. Bei Fohlen ist allerdings Vorsicht geboten, denn sie finden den Salzleckstein unter Umständen so faszinierend, dass es zu einer deutlichen Überversorgung und damit zu Durchfällen kommen kann.

Die Kaliumversorgung eines Pferdes ist in aller Regel mit dem üblichen Futter gut abgesichert. Zu einem deutlichen Kaliumüberschuss kann es kommen, wenn die Futterpflanzen zuvor gedüngt worden sind.

Schwefel

Schwefel ist an der Ausscheidung von Fremdstoffen beteiligt und für die Knorpelbildung erforderlich. Da Schwefel im Eiweiß enthalten ist und die Eiweißversorgung von Pferden meist übermäßig gut ist, kann die Versorgung mit diesem Mineralstoff als unproblematisch betrachtet werden.

Spurenelemente

Die bekanntesten Spurenelemente sind Eisen (Fe), Kupfer (Cu), Zink (Zn), Mangan (Mn), Kobalt (Co), Selen (Se) und Jod (J).

Eisen

Eisen ist für die Bildung des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin sowie des Muskelfarbstoffes Myoglobin notwendig, welche wiederum für den Sauerstofftransport im Körper sorgen. Ein Eisenmangel liegt bei Pferden selten vor, denn normalerweise enthalten die Futtermittel mehr Eisen, als ein Pferd eigentlich braucht. Hohe Eisengaben behindern die Aufnahme (Absorption) von Phosphor. Außerdem konkurriert Eisen mit Zink und Mangan sowie mit Kobalt und Kupfer.

Kupfer

Kupfer wirkt an der Bildung von Blut und von Nerven, von Pigmenten, von Bindegewebe und von Knochen mit. Im Normalfall kann der Kupferbedarf eines Pferdes durch eine übliche Futterration abgedeckt werden. Überhöhte Gaben von Kupfer können die Leber schädigen und hemmen die Aufnahme von Zink.

Zink

Zink ist für viele Stoffwechselprozesse und die Immunabwehr unabdingbar. Außerdem fördert dieses Spurenelement die Bildung und die Regeneration der Haut, der Schleimhäute, des Haares und des Hufhorns. Der Zinkbedarf kann normalerweise mit üblichen Futterrationen gedeckt werden. Mit einer überhöhten Gabe von Calcium oder Kupfer geht allerdings auch ein erhöhter Zinkbedarf einher. Überdies gilt Eisen als Gegenspieler von Zink.

Mangan

Mangan spielt eine wichtige Rolle im Mineral- und Fettstoffwechsel und dient außerdem dem antioxidativen Schutz. Der Manganbedarf von Pferden wird bislang aus der Beobachtung von anderen Tieren abgeleitet. Die Versorgung mit Mangan gilt zumeist als ausreichend. Offenbar scheint Mangan ein Gegenspieler von Eisen zu sein.

Kobalt

Kobalt ist für die Bildung des Vitamins B12 erforderlich. Ein Kobaltmangel kommt selten vor.

Selen

Selen besitzt eine antioxidative Wirkung und schützt die Zellmembran. Der Selengehalt im Futter kann sehr unterschiedlich sein. Insbesondere Sand- und Moorböden sowie Granitverwitterungs- und Schwemmlandböden sind durch einen niedrigen Selengehalt gekennzeichnet. Auch Getreide ist eher selenarm. Insgesamt ist davon auszugehen, dass die Selenversorgung über das übliche Futter eher zu niedrig als zu hoch ausfällt. Bei der zusätzlichen Fütterung von Selen ist allerdings Fingerspitzengefühl erforderlich, denn ein Selenüberschuss kann vergleichsweise schnell zu einer Vergiftung führen. Eine Selenvergiftung äußert sich im Ausfall des Langhaares, in Lahmheiten oder in ringförmigen Einschnürungen an den Hufen.

Jod

Jod ist ein wichtiges Element der Schilddrüsenhormone, die ihrerseits den Grundumsatz im Körper steuern sowie die Entwicklung des Gehirns und die Herzkraft fördern. Futtermittel, die in küstennahen Gebieten wachsen, weisen meist einen ausreichenden Jodgehalt auf. In südlicheren Regionen kann allerdings von einem geringen Jodgehalt ausgegangen werden.

Mineralstoffbedarf und Arbeitsleistung

Der tägliche Bedarf eines Pferdes an Mineralstoffen ist abhängig vom Gewicht des Pferdes und teilweise auch von der Leistung, die es zu erbringen hat. Wenn ein Pferd lediglich mit der Aufrechterhaltung seiner Körperfunktionen beschäftigt ist und keine weitere Arbeit verrichtet, spricht man vom Erhaltungsbedarf. Mit täglicher Arbeit kommt ein Reit- oder Fahrpferd zunehmend in den so genannten Leistungsbedarf. Auch die Trächtigkeit (Gravidität) sowie die Milchproduktion (Laktation) einer Stute und das Wachstum von Fohlen und Jungpferden sind Leistungen, die der Körper des Pferdes erbringen muss.

Die Arbeitsleistung eines Pferdes hat keinen Einfluss auf den Bedarf an Phosphor und Schwefel. Der Bedarf an Calcium und Magnesium steigt allerdings mit der Intensität der Arbeit. Deutlich größer wird der Bedarf an Kalium, vor allem aber an Natrium und Chlor, was durch den Verlust dieser Mengenelemente durch den Schweiß des Pferdes zu erklären ist.

Mengenelemente600ErhaltungArbeitAuch der Bedarf an Eisen, Kupfer, Selen und Jod ändert sich durch die Arbeitsleistung des Pferdes nicht. Der Bedarf an Zink und Mangan hingegen erhöht sich durch die Arbeit.

Spurenelement600ErhaltungArbeitFür den Mineralstoffbedarf von Zucht- und Aufzuchtpferden gelten andere Regeln, doch in diesem Artikel steht das normale Reitpferd im Mittelpunkt der Überlegungen: Die überwiegende Anzahl der Reit- und Freizeitpferde befindet sich im Erhaltungsbedarf oder maximal im Bedarf für geringfügige oder leichte Arbeit.

Gut versorgt – die Deckung des Bedarfes

Den größten Teil der Mineralstoffe, die ein ganz normales Pferd zum Leben braucht, kann es aus gutem Grundfutter beziehen.

Allerdings hängt der Mineralstoffgehalt des Grundfutters von vielen Faktoren wie z. B. der Bodenbeschaffenheit, dem Pflanzenbestand, dem Pflanzenalter und der Düngung des Grünlandes ab. Genaue Berechnungsgrundlagen und Ergebnisse erhält man nur durch individuelle Analysen.

Dennoch liefern die Bedarfs- und Gehaltstabellen der Standardwerke wertvolle Orientierungshilfen und Anhaltspunkte. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Versorgunglage hinsichtlich der Mengenelemente:

Mengenelemente600HeuWie man sieht, ist ein Pferd im Erhaltungsbedarf schon durch sein Raufutter gut mit Mengenelementen versorgt. Dies trifft auch auf Pferde mit geringer bis leichter Arbeitsleistung zu. Wenn das Pferd schwitzt – sei es durch Arbeit oder sommerliche Hitze – muss man allerdings auf die ausreichenden Natriumversorgung achten, die durch einen Salzleckstein oder Kochsalzzugaben zum Futter gewährleistet werden kann.

Die Versorgung mit Spurenelementen gestaltet sich schon schwieriger. Die Richtwerte zur Spurenelementversorgung werden anhand der Trockensubstanzmenge berechnet, die ein Pferd täglich zu sich nimmt: 1 kg Heu beispielsweise hat einen Trockensubstanzgehalt von 860 g.

Spurenelemente600HeuDas Diagramm zeigt auf, dass Im Hinblick auf Kupfer, Zink und Selen eine zusätzliche Mineralisierung durchaus angebracht ist. Je nach Region ist auch eine zusätzliche Gabe von Jod anzuraten.

Sinnvolle Mineralisierung – die Fütterungspraxis

Um die tägliche Ration eines Pferdes sinnvoll zu mineralisieren, sollte man sich auf ein gutes Mineralfutter beschränken und dieses in der vom Hersteller angegebenen Menge füttern.

Wenn der Verdacht besteht, dass ein Pferd unter einem Mangel eines bestimmten Mineralstoffes leidet, sollte der Rat eines Experten eingeholt werden, bevor man spezielle Supplemente mit einer hohen Konzentration von nur einem oder wenigen Mineralstoffen gibt. Anderenfalls besteht die Gefahr, das Gleichgewicht im Mineralstoffhaushalt empfindlich zu stören. Dies gilt insbesondere für Selen: Wenn mehr als 2 mg Selen pro kg Futtertrockensubstanz gefüttert werden, droht eine Selenvergiftung.

Dr. Ingrid Vervuert, Dozentin am Institut für Tierernährung der Universität Leipzig, empfiehlt, Pferde im Erhaltungs- und im moderaten Leistungsbedarf mit einer ausreichenden Menge an Raufutter zu füttern und diese Ration mit einem guten Mineralfutter in angemessener Dosierung sowie einem Salzleckstein zu ergänzen – mehr braucht ein normal beanspruchtes Reitpferd nicht!

Quellen & Lektüretipps:

Bender, Ingolf: Praxishandbuch Pferdefütterung. 3., aktualis. Aufl. Franckh-Kosmos 2008, S. 103-115

Pferdefütterung. Hrsg. v. Helmut Meyer, Manfred Coenen. Unter Mitarbeit von Ingrid Vervuert. 5., vollst. überarb. Aufl. Enke 2014, S. 25f., S. 33, S. 37, S. 59f., S. 80-91, S. 295-304, S. 306, S. 310

Roth, Franz X./ Schwarz, Frieder J./ Stangl, Gabriele I.: Kirchgeßner Tierernährung. Leitfaden für Studium, Beratung und Praxis. 13., neu überarb. Aufl. DLG 2011, S. 173-208, S. 539f., S. 550f.

Vervuert, Ingrid: Pferde richtig füttern I: Grundration und Ergänzungsfuttermittel. Interview von Thomas Wengenroth. Tiergesundheit aktuell 2011

 

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