Frau Merkel fährt gern schön
Die A 20, die Bundeskanzlerin und die Bedarfsfrage

Auf ihrer Wahlkampftour durch Schleswig-Holstein hat Bundeskanzlerin Merkel sich wiederholt für den raschen Bau der geplanten A 20 ausgesprochen. Ihre Begründung mutet jedoch eigentümlich an: Es fährt sich so schön.

Am vergangenen Freitag plädierte die Bundeskanzlerin auf dem Unternehmertag der norddeutschen Wirtschaft in Fockbek offenbar für den zügigen Bau der kompletten A 20.[1] Wenn man den Landtagswahlkampf in Schleswig-Holstein ein wenig verfolgt hat, kann dies kaum überraschen.

Doch Frau Merkel hat nicht nur die versammelten Unternehmer mit ihrer Gegenwart beehrt. Sie hat selbstredend auch Volksnähe demonstriert. Ein Vergnügungspark bietet sich da natürlich gut als Kulisse an. So besuchte die Kanzlerin auch den Hansa-Park in Sierksdorf.

Achterbahn statt Autobahn

Bei ihrem Auftritt im Freizeitpark weihte Frau Merkel eine Kinderachterbahn mit dem schönen Namen „Der kleine Zar“ ein. Doch selbstverständlich war sie nicht nur zum Vergnügen da. Die Kanzlerin hielt auch eine Rede:

„In Bezug auf den seit Jahren stockenden Ausbau der Autobahn 20 in Schleswig-Holstein erzählt sie von Mecklenburg-Vorpommern, ihrer Heimat. ‚Ich kenne die A 20, was meinen Sie, wie schön es sich da fährt. Kommen Sie mal Probefahren.’“[2]

Och nö, lieber nicht.

Besser ist es wohl, diese Einladung zur Probefahrt auszuschlagen und sich nicht gänzlich auf die Aussage der Kanzlerin zu verlassen.

Zumindest, was die A 20 bei Jarmen betrifft. Dort wird nämlich ab Dienstag für mehrere Monate eine richtig große Baustelle sein. Die Brücke über die Peene muss nach nur 18 Betriebsjahren außerplanmäßig saniert werden – Stichwort: „Pfusch am Bau“.[3]

An der Verkehrsbelastung der Brücke kann es jedenfalls nicht liegen, dass sie nun schon ein Sanierungsfall ist. Zwischen Gützkow und Jarmen sind aktuell nur 15.300 Fahrzeuge am Tag unterwegs. Unter übermäßigen Lkw-Verkehr kann die Brücke auch nicht gerade gelitten haben, denn der Anteil des Schwerlastverkehrs beträgt lediglich 8,7 Prozent.[4]

Dieser Verkehr könnte problemlos von einer Bundesstraße bewältigt werden. Eine Autobahn bräuchte es dafür nicht.

Man hat die A 20 in Mecklenburg-Vorpommern in den 90er Jahren dennoch gebaut.

Laut der Prognosen, auf die man sich zur Rechtfertigung des Unterfangens berief, sollten zwischen Gützkow und Jarmen schon vor Jahren rund 10.000 Fahrzeuge mehr unterwegs gewesen sein, als es aktuell tatsächlich sind: Für 2010 hatte man 25.200 Fahrzeuge am Tag vorausgesagt, bei einem Lkw-Anteil von 10 Prozent.[5] Dann sind es in der Realität des Jahres 2015 doch nur 15.300 Fahrzeuge und weniger Lkw geworden …

 Uuups!

Die Auslastung der A 20 in den östlichen Bundesländern ist nicht nur bei Jarmen, sondern überall weit hinter den Erwartungen und Prognosen zurückgeblieben.

Für die A 20 im Einzugsbereich der Hafenstadt Rostock beispielsweise hatte man zwischen rund 50.000 und 59.000 Fahrzeuge pro Tag für das Jahr 2010 herbeifabuliert. 2015 wurden allerdings nur rund 11.000 bis 34.000 Kfz gezählt.[6] Mehr Autos wollen und wollen dort einfach nicht fahren.

Als Kanzlerin und Kennerin der existenten östlichen A 20 könnte man sich also nun die kluge Frage stellen, ob es eine Autobahn hätte sein müssen.

Und ob es nun wirklich noch mehr A 20 sein muss.

Vernünftig und mit Überlegung ausgebaute Bundesstraßen wären in Mecklenburg-Vorpommern schon allein aus Kostengründen sinnvoll gewesen.

Sie dürften auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen sinnvoll sein.

Die kluge Frage nach dem tatsächlichen Bedarf für die A 20 interessiert aber offensichtlich auch bei deren weiterer Planung nicht.

Die Kanzlerin fährt halt gern schön.

Das geht nun mal am besten auf einer Autobahn.

Und zwar auf einer gähnend leeren.

 


Quellen:

[1] Die Bundesregierung: Mehr Tempo für Autobahn A 20, 28.4.2017 (https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/04/2017-04-28-unternehmertag-nord.html) (Abrufdatum: 29.4.2017)

[2] Angriffslustige Angela Merkel im Hansa-Park, in: LN online, 28.4.2017 (http://www.ln-online.de/Lokales/Ostholstein/Angriffslustige-Angela-Merkel-im-Hansa-Park) (Abrufdatum: 29.4.2017)

[3] A 20 bei Jarmen wird zur Großbaustelle, in: Ostsee-Zeitung, 29.4.2017 (http://www.ostsee-zeitung.de/Vorpommern/Greifswald/Ostvorpommern/A-20-bei-Jarmen-wird-zur-Grossbaustelle); Bauarbeiten: Auf der A 20 wird’s richtig eng, in: Nordkurier, 27.4.2017 (http://www.nordkurier.de/demmin/bauarbeiten-auf-der-a20-wirds-richtig-eng-2727747604.html) (Abrufdatum: 29.4.2017)

[4] Bundesanstalt für Straßenwesen: Manuelle Straßenverkehrszählung 2015. Ergebnisse auf Bundesautobahnen, 26.1.2017, S. 16 (http://www.bast.de/DE/Statistik/Verkehrsdaten/2015/Autobahnen-2015.pdf?__blob=publicationFile&v=4) (Abrufdatum: 29.4.2017)

[5] Deutscher Bundestag: Drucksache 17/10345, 19.7.2012, S. 6 (http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/103/1710345.pdf)

[6] Deutscher Bundestag: Drucksache 17/10345, 19.7.2012, S. 5; Bundesanstalt für Straßenwesen: Manuelle Straßenverkehrszählung 2015. Ergebnisse auf Bundesautobahnen, 26.1.2017, S. 16

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