Die Küstenautobahn & eine Kanne Kaffee – oder: Kein Mensch muss müssen!

Zwei seriöse Herren sitzen an unserem Tisch und bemühen sich um einen wohlmeinenden Eindruck. Die beiden Herren – nennen wir sie Herr S. und Herr C. – kommen von der Landesstraßenbaubehörde. Sie wollen mit uns über die geplante Küstenautobahn sprechen. Die Herren finden die Autobahn ganz toll. Wir finden die Autobahn höchst überflüssig. Allein deshalb sind die Herren S. und C. aber nicht zu Besuch.

Die Autobahn soll über unser Land führen. Darum besteht vermehrter Gesprächsbedarf. Finden die freundlichen Herren. Wir wollen ja nicht unhöflich sein – hören wir uns also an, was sie zu erzählen wissen.

Wir sitzen um den Tisch herum, in der Mitte dampft der Kaffee. Herr C. erläutert uns den neuesten Stand der Trassenplanung. Er ist sachlich und sehr bemüht, jede unserer Fragen zu beantworten. Zuweilen sekundiert Herr S., der sich ansonsten ein wenig zu langweilen scheint. Das wollen wir ihm nicht übel nehmen. Bestimmt lauscht er den fachkundigen Ausführungen seines Mitstreiters schon zum aberhundertsten Male. Herr C. spricht. Wir fragen. Die Uhr tickt. Herr S. lässt seine Blicke schweifen. Der Kaffee dampft.

Wir reden über den Baugrund. Wir wohnen im Moor. Der hiesige Boden hat die Konsistenz eines Wackelpuddings. Nicht umsonst stehen die Häuser hier auf Pfählen. Nur so kann man verhindern, dass sie im Laufe der Zeit versinken. Ein Wackelpudding gilt im Allgemeinen nicht als optimale Trägermasse für eine Autobahn.
Die Herren sind sich sicher, dass es auch für dieses Problem eine Lösung gibt. Natürlich kann man Straßen durch das Moor bauen. Da geben wir ihnen Recht. Es ist nur sehr aufwändig. Ehemals glatte Asphaltbahnen verwandeln sich verblüffend schnell in tückische Buckelpisten. Selbstverständlich hat die Landesstraßenbaubehörde den Baugrund untersuchen lassen, wie Herr C. erläutert. Dies ist weise, vorausschauend und uns bekannt.

Des Puddings Kern liegt anderswo: Der Wackelpudding macht den Straßenbau teuer, sogar sehr teuer. Ich frage nach, ob die Behörde auch nach diesen Untersuchungen des Baugrundes noch an ihrer ursprünglichen Kostenschätzung für den Autobahnbau festhält. Dies bestätigen die freundlichen Herren: Die Trasse sei für 1,27 Milliarden Euro zu haben.
Na, wenn das kein Schnäppchen ist!
Ich ziehe dezent die Augenbraue hoch, verkneife mir kritische Anmerkungen zum Nutzen-Kosten-Verhältnis dieser Autobahn und schenke Kaffee nach. Wir wollen das Gespräch ja nicht ins Uferlose abdriften lassen. Wo die sicherlich vielbeschäftigten Herren doch eigens zu uns herausgefahren sind! Wer will denn da politisch werden?!

Wir vertiefen uns in die Zeichnungen, welche die Herren auf dem Tisch ausgebreitet haben. So schöne, große, bunte Karten!
Ich sage, dass ich mich sehr darüber freue, nun doch einmal die genaue Planung vor Augen zu haben.
Natürlich hat die Landesstraßenbaubehörde auch Karten der Autobahnplanung im Internet veröffentlicht. Schließlich ist Transparenz ja das Gebot der Stunde. Und die Internetverbindung in abgelegenen Landstrichen ist ja weithin dafür bekannt, ein echter Traum zu sein!
Leider sind die Internet-Karten im Hinblick auf den detaillierten Planungsstand aber dennoch oft recht unergiebig. Es sei denn, man hätte die Augen eines Adlers oder das Ahnungsvermögen eines Orakels. Mir fehlt beides.
Herr S. gibt sich erstaunt über mein Informationsdefizit. Doch er hat einen überraschend guten Tipp für mich parat: Wenn ich Genaueres über die Planungen wissen wollte, so könnte ich mich ja an meine Nachbarn wenden. Einige von ihnen säßen sogar in Arbeitskreisen, welche in die Autobahnplanung eingebunden sind.
Ich bin verdutzt. Ich denke, dass die Landesstraßenbaubehörde doch eher in der Informationspflicht steht als ich oder meine Nachbarn. Doch vielleicht bin ich ja einfach zu naiv für diese Welt?

Bevor ich Herrn S. diese Frage stellen kann, hat der Mann meines Herzens ein interessantes Detail auf den Karten entdeckt: Bei dem Haus einer Nachbarin, das sehr nah an der Trasse steht, ist kein Lärmschutz eingezeichnet. Von dieser Nachbarin wissen wir aber, dass die Behörde ihr bei einem Gespräch Lärmschutz in Aussicht gestellt hat. Wir fragen nach.
Die freundlichen Herren geraten in argumentatives Schlingern: Wenn sie sagen, dass die Nachbarin sich irrt, ist der gute Tipp, die Nachbarn als Informationsquelle heranzuziehen, leider hinfällig. Wenn sie sagen, dass die Nachbarin Recht hat, stimmen die Planungen leider nicht mit den Zusagen der Landesstraßenbaubehörde überein. Das ist blöd. Für die Herren.
Ich beschließe, den Nachmittag hinfort sportlich zu sehen, verbuche innerlich 1:0 für uns und schenke Kaffee nach.

Wir betrachten die neuen Wirtschaftswege, die durch den Autobahnbau notwendig würden. Auch sie sind auf den großen, bunten Karten eingezeichnet.
Darüber kommen wir auf die Flurbereinigung zu sprechen. Herr S. entwirft eine wunderbare Welt voller glückseliger Landwirte: Alle haben tolle, neue Flächen, kurze Wege und freuen sich, dass nun endlich die Autobahn da ist!
Zuvorkommend erklärt Herr S. die Flurbereinigung. Er fängt bei Adam und Eva an: Beim Unterschied zwischen privatnütziger Flurbereinigung und Unternehmensflurbereinigung.
Ich frage nach, ob ich richtig darüber informiert sei, dass die Unternehmensflurbereinigung auch „fremdnützige Flurbereinigung“ heiße? Ja, das sei wohl so, stimmt Herr S. mir zu. Ich weise darauf hin, dass damit doch schon alles gesagt sei: FREMDnützig eben.
Gut zu wissen, dass ein Flurbereinigungsverfahren erst mit dem Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden darf. Und letzteres steht für „unseren“ Autobahnabschnitt noch nicht an. Herr S. hat einen Trumpf verspielt. Wir springen einfach nicht auf das Thema an. Ich verbuche 2:0 für uns.

Nun erläutert der freundliche Herr S. uns den Gang eines Planfeststellungsverfahrens. Herr C. wirkt leicht gelangweilt und lässt seine Blicke schweifen. Das wollen wir ihm nicht übel nehmen, denn vermutlich hört er die Erklärungen seines Kollegen zum aberhundertsten Male. Wir lauschen. Die Uhr tickt. Der Kaffee dampft.

Herr S. lehnt sich zufrieden zurück, denn er hat die ganze, komplizierte Planfeststellung wirklich sehr gut erklärt.
Nur das Enteignungsverfahren hat er vergessen. Schade.
Herr S. weiß doch bestimmt, dass das Enteignungsverfahren ein behördliches Verfahren ist, das den zu Enteignenden zunächst nichts kostet? Er wird doch wissen, dass man als Landeigentümer sehr, sehr lange „Nein“ sagen kann, ohne ein finanzielles Risiko einzugehen? Ich frage nach.
Herr S. scheint das Wort „Enteignungsverfahren“ nicht so gern zu hören. Das klingt in seinen Ohren wohl nach Zeitverlust und Ärger. Die Uhr tickt. Der Kaffee dampft. Ich verbuche 3:0 für uns.

Herrn S. reicht es jetzt. Er geht zur verbrämten Attacke über. Durch die Blume gibt er mir zu verstehen, dass ich gerade eben mein eigenes Grab gegraben habe. Offenbar denke ich nicht rechtzeitig an meine eigenen Vorteile. Und ich hätte doch so viele eigene Vorteile, wenn ich nur endlich mit der Landesstraßenbaubehörde kooperierte!
Ihm seinen Fälle bekannt – also FÄLLE! -, in denen Landeigentümer, die zu lange ablehnend waren, am Ende das finanzielle Nachsehen hatten. Und er setzt noch einen drauf, der freundliche Herr S.: Er kenne Leute, die echte Vorteile verschenkt hätten, nur weil sie bockig gewesen wären! BOCKIG!

Wenn man sein Recht auf Eigentum wahren will, ist man in den Augen der Autobahnplaner also nichts weiter als – bockig? Wenn man gegen ein unsinniges Bauprojekt ist und dabei nicht nur seine eigenen finanziellen Interessen im Blick hat, ist man nichts weiter als – bockig?

Ich denke, dass es an der Zeit für ein Fazit ist. In aller Höflichkeit sage ich den Herren, dass ich zur Autobahn und zu allem, was damit zusammenhängt, so lange „NEIN!“ sagen werde, wie ich nur immer kann. Ich verbuche 4:0 für uns. Game over.

Wir verabschieden uns freundlich voneinander. Herr S. versucht, noch eine kleine Fangfrage an die Frau zu bringen. Sie verpufft.

Herr S. lässt sehr gern seine Visitenkarte da. Falls wir uns das Ganze noch anders überlegen. Er hat allerdings mehrere Visitenkarten im Gepäck. Von unterschiedlichen Behörden, wie ich am Logo zu erkennen meine. Schließlich hat er die Visitenkarte gefunden, die zu unserem Gespräch passt. Er nestelt sie aus seiner Tasche heraus und überreicht sie mir.

Herr S. und Herr C. ziehen ihrer Wege. Mit ganzem Namen heißen sie übrigens Skylla und Charybdis. Sie lassen all die schönen, großen, bunten Karten da. Die Uhr tickt. Der Kaffee ist kalt.

Seit diesem Nachmittag stelle ich mir vor, dass ich einen papiernen Aktendeckel bei der Landesstraßenbaubehörde habe. In ihm werden alle Gesprächsprotokolle gesammelt. Der Aktendeckel ist rot. Auf dem Aktendeckel steht mein Name. Und darunter prangt so ein richtig dicker, schwarzer, satter Stempel, mit Rahmen, großen Lettern und einem Ausrufezeichen: ACHTUNG: BOCKIG!

Ich finde das ganz großartig.

Lasst euch nicht entmutigen: Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Autobahnfreunde!

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