A 20: Bullshit statt Fakten?
Anmerkungen zum NWZ-Interview mit Björn Thümler über das Grünen-Gutachten zur „Küstenautobahn“

Das Wort „Bullshit“ ist zwar unfein, aber dennoch eine gängige, auch in der Kommunikationswissenschaft gebräuchliche Bezeichnung für eine bestimmte Form öffentlicher Äußerungen. In der Debatte um das aktuelle Gutachten zur A 20 kann es nicht schaden, sich ein wenig näher mit dem Begriff „Bullshit“ zu beschäftigen.

Was sagte Herr Thümler?

Am 8.7.2016  veröffentlichte die niedersächsische Landtagsfraktion der Grünen ein Gutachten über die Autobahnprojekte A 39 und A 20, das zu dem Ergebnis kommt, dass beide Trassen nichts im ‚Vordringlichen Bedarf’ des Bundesverkehrswegeplans zu suchen haben.[1]

Die Veröffentlichung zog einen großen Pressewirbel nach sich. In der „Nordwest-Zeitung“ (NWZ) erschien am nächsten Tag unter anderem ein Interview mit Björn Thümler, dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag.

Zum Auftakt wird Herrn Thümler die Frage gestellt, was er von dem Gutachten der Grünen halte. Seine Antwort lautet:

 „Ich will das Gutachten gar nicht im Einzelnen bewerten – aber die Tatsache, dass die Grünen-Landtagsfraktion einen Gutachter aus dem hessischen Marburg beauftragt, um eine in ganz Norddeutschland fast unumstrittene Autobahn zu kritisieren, ist schon verräterisch. Offenbar fand sich im Norden kein geeigneter Experte, der bereit war, die von den Grünen gewünschten Ergebnisse zu liefern.“[2]

Diese Aussage lässt sich meiner Meinung nach gut in einen Kontext einordnen, der in anspruchsvollen Medien seit längerem diskutiert und analysiert wird. Das Schlüsselwort dieser Analysen ist: Bullshit.

Was ist Bullshit?

„Bullshit“ ist ein ausgesprochen unfeines, ja vulgäres Wort. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Bullenscheiße“, wie man sich leicht denken kann. Im übertragenen Sinn bezeichnet „Bullshit“ in etwa das Gleiche wie „Humbug“: Anmaßendes und irreführendes Gerede, das sich nicht sonderlich um Fakten schert.[3]

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt widmete dem Bullshit ein ganzes Buch, das 2005 unter dem Titel „On Bullshit“ erschien und zum Bestseller avancierte. Demnach wird Bullshit dann geredet, wenn Menschen sich öffentlich über Dinge äußern (müssen), von denen sie nichts oder nicht genug verstehen.[4]

Sascha Lobo, Kolumnist bei „Spiegel online“, definiert „Bullshit“ unter Berufung auf Frankfurt so: Bullshit ist eine „’Indifferenz gegenüber der Realität’“. Bullshit ist zwar nicht unbedingt eine Lüge, aber auf jeden Fall eine

„Kommunikation als Füllschaum ohne Bezug zur Wahrheit“.[5]

Was sind Fakten?

Das Wort „Faktum“ stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet eine nachweisbare Tatsache.[6]

Kürzlich hat sich Lenz Jacobsen bei „Zeit online“ der Frage angenommen, welche Bedeutung Fakten in der öffentlichen Debatte, die zusehends von Populismus geprägt ist, eigentlich noch haben. Die Ergebnisse seiner Analyse sind zunächst niederschmetternd:

„Fakten sind nicht mehr der Goldstandard in öffentlichen Debatten. Es scheint damit eine Epoche zu Ende zu gehen, die seit der Aufklärung spätestens angedauert hat und deren Paradigma schon im Mittelalter entstanden ist: Das Zeitalter der Fakten ist vorbei.“[7]

Als wirksames Gegenmittel zum Trend der öffentlichen Kommunikation, eher Bullshit als Fakten zu thematisieren, hat sich allerdings der Faktencheck bewährt,[8] der sich bemüht, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Fazit:

Wer keinen Bullshit reden möchte, sollte sich mit den Fakten auseinandersetzen, bevor er sich öffentlich zu Wort meldet.

Inwieweit dies Herrn Thümler im NWZ-Interview gelungen ist, mag jeder selbst beurteilen.

 


Quellen:

[1] RegioConsult Verkehrs- und Umweltmanagement: Stellungnahme zum BVWP-Entwurf 2030 zu den Hauptprojekten A 20 AD A28/A20 (Westerstede) – Hohenfelde (A 23) mit A 26 mit 11 Teilprojekten und A 39 AS Lüneburg-N (B 216) – AS Weyhausen (B 188) mit 7 Teilprojekten. Auftraggeber: Vorstand der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Juli 2016 (http://www.fraktion.gruene-niedersachsen.de/fileadmin/docs/susanne_menge/Stellungnahme_BVWP-A20-A39.pdf) (Stand: 12.7.2016)

[2] Seng, Marco: Interview: Von den Grünen gewünschte Ergebnisse geliefert. In: NWZ Online, 9.7.2016 (http://www.nwzonline.de/interview/von-den-gruenen-gewuenschte-ergebnisse-geliefert_a_31,0,2239219561.html) (Stand: 12.7.2016)

[3] vgl. Black, Max: The Prevalence of Humbug, 1983 u. ö. (http://www.ditext.com/black/humbug.html) (Stand: 12.7.2016)

[4] vgl. On Bullshit. In: Wikipedia, 30.6.2016 (https://de.wikipedia.org/wiki/On_Bullshit) (Stand: 12.7.2016)

[5] Lobo, Sascha: S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Wut sticht Wahrheit. In: Spiegel online, 29.6.2016 (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bullshit-9-0-wut-sticht-wahrheit-kolumne-a-1100410.html) (Stand: 12.7.2016)

[6] Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Duden. Das Fremdwörterbuch. 10., aktualis. Aufl. 2010 (= Duden, Bd. 5), S. 330

[7] Jacobsen, Lenz: Populismus: Das Zeitalter der Fakten ist vorbei. In: Zeit online, 7.6.2016 (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-06/populismus-brexit-donald-trump-afd-fakten/komplettansicht) (Stand: 12.7.2016)

[8] vgl. Applebaum, Anne: Fact-checking in a ‘post-fact world’. In: The Washington Post online, 19.5.2016 (https://www.washingtonpost.com/opinions/fact-checking-in-a-post-fact-world/2016/05/19/d37434e2-1d0f-11e6-8c7b-6931e66333e7_story.html) (Stand: 12.7.2016)

 

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